Über Macht, Gewalt und Herrschaft - Und was heißt das jetzt?

  1. Wenn ich jemandem ins Gesicht schlage, ist das natürlich Gewalt.
  2. Wenn ich das tue, weil das Opfer sich weigerte, mir die 1000 Euro zu schenken, die ich so dringend zur Anschaffung eines neuen Luxusfahrrades benötige, dann übe ich Macht über mein Opfer aus. Ich habe es nämlich geschafft, gegen das Widerstreben meines Gegenüber meinen Willen durchzusetzen.
  3. Wenn ich dem armen Menschen aber nun gar nicht mehr ins Gesicht zu schlagen brauche, weil der schon weiß, dass das weh tut, und er mir deshalb die 1000 Euro "freiwillig" gibt, dann ist das bereits eine Form von Herrschaft.
  4. Nicht ohne Grund nennt man eine solche Form der Herrschaft Gewaltherrschaft, da der Gehorsam einzig und allein durch die Androhung von Gewalt erreicht wird.
  5. Demokratien rühmen sich, solche Mechanismen überwunden zu haben. Doch auch sie kommen nicht ohne Gewalt aus. Sie beanspruchen für die jeweils Herrschenden das Gewaltmonopol im Staate, also das alleinige Recht, über Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit von Gewalt zu entscheiden. Wer unrechtmäßig Gewalt anwendet (vgl. 2.), der bekommt die (rechtmäßige) Gewalt des Staates in Form von Geld- oder Gefängnisstrafen zu spüren.
  6. Um das Gewaltmonopol, wo immer es in Form von Vergehen oder Verbrechen in Frage gestellt wird, aufrecht zu erhalten, benötigt man natürlich Macht. Deswegen gibt es die Polizei.
  7. Der Unterschied einer demokratischen Herrschaft zu einer Gewaltherrschaft besteht nun darin, dass der Gehorsam, den beide verlangen, in einer Demokratie in der Anerkennung der Rechtmäßigkeit demokratischer Herrschaft gründet. Selbst wenn ich mit einzelnen Entscheidungen des Parlaments nicht einverstanden bin, so erkenne ich doch an, dass ich den Gesetzen Gehorsam schulde, weil sie von einem demokratisch gewählten Parlament verabschiedet wurden. (Aus der Perspektive eines Profikillers mag das anders aussehen, aber für die meisten Bürger einer Demokratie sollte das gelten.)
  8. Da, wie Hannah Arendt sagt, Macht niemals in der Hand einzelner Menschen liegt, sondern immer im Zusammenhalt einer Gruppe gründet, ist jeder demokratisch gesinnte Mensch Teil der Machtbasis eines demokratischen Herrschaftssystems.
  9. Wenn immer mehr Menschen nicht mehr wählen und diejenigen, die noch wählen, auch zu zweifeln beginnen, ob es einen Unterschied macht, wo sie ihr Kreuzchen machen, kann das jedoch ein Symptom dafür sein, dass der notwendige Konsens über die Rechtmäßigkeit der demokratischen Herrschaft zu bröckeln beginnt.
  10. Was aber ist das für eine Demokratie, die sich nur aufgrund ihres Gewaltmonopols und des scheinbaren Fehlens von Alternativen am Leben erhält?
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