| Fast alle Philosophen sind sich darüber einig, dass Philosophie eine Tätigkeit und kein fest umrissener Wissensbestand ist. Man müsste also präziser vom Philosophieren sprechen. Weniger Einigkeit herrscht bei der genaueren Charakterisierung dieser Tätigkeit, obwohl die ausgewählten Zitate, so unterschiedlich sie anmuten, durchaus in einem einzigen Philosophiebegriff zu vereinbaren sind: Philosophie ist Widerstand. Das gilt sowohl für die Aussage Ciceros, Philosophieren heiße sterben lernen, als auch für die stärker praxisorientierten Bestimmungen von Philosophie, beispielsweise von Max Horkheimer oder John Dewey (→ Zitate). Philosophie als Widerstand meint aber nicht die gentechnische oder medizinische Bekämpfung des Todes, sondern bedeutet, sich dem Tod als Teil des Lebens zu stellen, sich mit ihm auseinander zu setzen und ihn als Ausgangspunkt jeder intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Leben anzuerkennen. Vergleichbares gilt für das Verständnis von Philosophie als Kritik des Bestehenden, als beharrlicher Versuch, Vernunft in die Welt zu bringen, wie Horkheimer es nennt. Praxisorientierte Philosophie als Widerstand zu begreifen bedeutet eben nicht, vom hohen Ross herab es alles besser zu wissen, und muss ebenso wenig in militanten Aktionen seinen Ausdruck finden. Widerstand leistet man auch, wenn man sich weigert, die extreme Ungleichverteilung des weltweiten Reichtums oder die Existenz von weltweit knapp 60 größeren bewaffneten Konflikten als "normal" anzuerkennen, und sie stattdessen weiterhin als Symptome einer wenig gerechten und unvollkommenen Weltordnung begreift, die nach einer Alternative verlangt. Man solle sich als Entwicklungshelfer verdingen, wenn man etwas ändern will, wird an dieser Stelle mancher einwenden. Dem kann man nur entgegenhalten, dass eine philosophische Tätigkeit das doch nicht ausschließt. Hier soll keineswegs das Bild eines Philosophen, der sich als Eremit aus der "realen" Welt zurückzuziehen hat, beschworen werden. Nichtsdestotrotz sind es Momente der Ruhe, in denen man für kurze Zeit Distanz zum beschleunigten Lebensalltag herstellt. Das Leitbild einer theoriegeleiteten Praxis verlangt von der Theorie, sich den Unwägbarkeiten der Praxis zu stellen und sich in ihr bewähren. Es verlangt aber von der Praxis ebenso, sich den unbequemen Fragen und Anforderungen der Theorie zu stellen. Gelingt dieses Zusammenspiel, so kann man mit Russell hoffen, das Philosophie uns lehrt, mit der Ungewissheit aller Theorie zu leben, ohne handlungsunfähig zu sein. |
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